Pilgern

Pilgerwanderung im Pandemiejahr 2020

Strecke durch die Rhön 142 km (Vacha – Bad Kissingen)
Unterfränkische Jakobsweg 91 km(Bad Kissingen – Würzburg)

Anfang Februar 2020 plante ich meine Pilgerwanderung fortzusetzten, beginnend vom Endpunkt der letzten Strecke. In Gedanken bereitete ich die Etappen vor, als Ende Februar immer häufiger von einem neuartigen Virus in den Medien berichtet wurde, dem Coronavirus. Die Ausbreitung dieses Erregers über den Erdball veränderte so ziemlich alles, was bis dato als selbstverständlich galt. Am 16.03.2020 begann der erste Lockdown in Deutschland und ich stellte mir die Frage, ob ich dieses Jahr pilgern könnte?
Es ging, doch dieses Mal war vieles anders. Mit dem Starttermin fing es an. Ursprünglich plante ich im Juni zu starten, es wurde August. Der Jakobusverband Würzburg/ Pilgerberatung riet mir von meinem erstgeplanten Termin ab und bat um Geduld. Wie schwer das war! Im Laufe des Sommers blieb ich in Kontakt mit der Pilgerberatung, die sehr detailliert und zeitnah alle meine Fragen beantwortete. Anfang August sollte es nun losgehen, denn es gab endlich Übernachtungsmöglichkeiten und die Gastronomiebetriebe waren geöffnet. Pilgerherbergen waren teilweise geschlossen, denn Mehrbettzimmer sind in Pandemiezeiten nicht möglich.. Dann machte mir eine erneute Hitzeperiode einen Strich durch die Rechnung und ich startete erst am 17.08.20.
Endlich war es soweit und ich saß im Zug und Bus Richtung Vacha, träumte vom Freibad am Waldesrand, das direkt am Beginn der ersten Tagesetappe lag. Doch es kam anders.
Angekommen in Vacha goss es in Strömen und das Freibad hatte geschlossen. Statt Badeklamotten packte ich die Regenpelerine aus. Nach diesem eintägigen Regenstart folgte erneut eine längere Hitzeperiode, die abrupt mit heftigem Sturmböen (bis zur Orkanstärke) den Herbst einläutete.
Neben dem Wetter bestimmt die Markierung das Weiterkommen. Bis Bad Kissingen war die Beschilderung prima, der Unterfänkische Jakobsweg war häufig spärlich und /oder gar nicht beschildert. Zum Glück gab es immer wieder hilfsbereite Menschen, die mir halfen, auf den Weg zurückzufinden. So z.B. boten mir freundliche Menschen Wasser und Saft an bevor sie den Weg beschrieben, oder ein Jogger begleitete mich ein paar km, da durch eine Brückensperrung im Wald der Weg unterbrochen war und die „Umleitungs – Beschilderung“ plötzlich endete.
Am vorletzten Tag befand ich mich in einem riesigen Waldstück und fand keine Wegzeichen. Meine Wegbeschreibung half auch nicht weiter und ich suchte und fand schlussendlich einen Weg zum Waldrand. Endlich kam ein Auto und hielt auch an. Die Dame wusste nur, dass es in der Nähe einen Reiterhof gibt und dort ein Michael arbeitet, der auch pilgert. Sie fuhr mich hin (ca.6 km) und ich fand Michael, der bestätigte, dass die Markierung in diesem Teilstück kaum vorhanden ist. Er packte mich in seinen Landrover und brachte mich zu einem Einstieg und erklärte mir die Wegstrecke. Ich war unendlich erleichtert. Etliche Kilometer lief ich nun auf einer stillgelegten Straße, die jedoch von Einheimischen gut frequentiert war und einigen als Rennstrecke diente. Plötzlich bemerke ich einen Wagen, der hinter mir sehr langsam fuhr und schaute mich um. Es war Michael, der sichergehen wollte, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Solche Erlebnisse sind einmalig.
Übernachten war dieses Mal auch anders. Durch die Hygieneregeln war ich gezwungen mir Zimmer in Pensionen oder Gasthöfen zu suchen. Das war erheblich teurer als Pilgerunterkünfte und mir fehlten die Begegnungen mit Gleichgesinnten. Viermal fand ich eine Übernachtung im Kloster. Das war im Bonifatiuskloster Hünfeld bei den Oblatenmissionaren.
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im Tagungskloster Frauenberg Fulda, im Kloster Kreuzberg und zum Abschluss bei den Franziskanerinnen in Zell am Main. Die ungewöhnlichste Nacht verbrachte ich jedoch in Thalau.
Der Geistliche der katholischen Gemeinde vertraute mir den Schlüssel an zum Gemeindehaus, den ich am nächsten Morgen im Pfarrhausbriefkasten einwerfen sollte.
Er erzählte mir, dass er früher ebenfalls gepilgert sei. Er fragte weder nach meinem Namen noch meiner Adresse. So viel Vertrauen – wunderbar.
Im Gemeindesaal fand ich eine große aufblasbare Luftmatratze.
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Ganz allein in solch einem Haus ist schon ein wenig irritierend. Zum Glück gab es im Ort ein Gasthaus und es war geöffnet. Und es gab dort einen leckeren Pilgertrank.

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Neben dem Wetter, der Wegstrecke und der Übernachtungsmöglichkeiten war das Thema Einkaufsmöglichkeiten auch dieses Mal spannend. Viele Betriebe und Läden hatten Ferien oder Ruhetag, einige hatten wegen der Pandemie aufgegeben oder sie hatten stark verkürzte Öffnungszeiten, Gasthöfe boten oft nur ein warmes Gericht an.
Deshalb hatte ich immer eine Notverpflegung im Rucksack und freute mich wenn es warmes Essen gab.
Gleich zu Anfang des Weges in Bremen in der Rhön fragte ich nachmittags eine Ortsansässige, ob ich hier irgendwo einen Kaffee kaufen kann. Sie lächelte und lud mich und eine weitere Pilgerin (hatten uns in der Kirche getroffen) zu sich nach Haues ein. In einem wunderschönen Garten bekamen wir Kaffee, Tee, Wasser und frischgebackenen Kuchen von der Tochter. Einfach herrlich diese Gastfreundschaft!
Wie all die letzten Male war ich täglich überwältigt von der Natur, in der ich wanderte.
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Die ersten beiden Tage freute ich mich über die gesunden Wälder(?), doch dann war es wie bei uns im Taunus, der Wetterau… Große Areale von Nadelbäumen waren abgestorben und/ oder umgestürzt.
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Furcht vor umstürzenden Bäumen war etwas Neues für mich und doch musste ich diese Gefahr im Kopf haben.
Auf meiner Etappe über den Kreuzberg war es windig und regnerisch. Es waren orkanartige Stürme vorhergesagt. Im Wald krachte und knackte es überall und um 11 Uhr beschloss ich, nicht mehr weiter zulaufen.
Auf dem Kreuzberg bekam ich ein Pilgerzimmer.
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Doch erst drei Stunden später durfte ich es beziehen. Ich war nass, es war kalt und ich fror.
Zum Glück gab es eine wunderbare Ausstellung über Franziskus in geschlossenen Räumen und so vergaß ich diese Unannehmlichkeit.
Am nächsten Tag mied ich ein Waldstück und fuhr ein paar Kilometer mit der Taxe, da Einheimische meinten es sei zu riskant wegen des Astbruchs.
Durch die Pandemie war es dieses Mal schwierig mit Menschen in Kontakt zu kommen. Durch die AHA – Regeln und Einschränkungen in der Gastronomie waren viele Menschen unsicher, ich bekam zumeist einen eigenen Tisch, somit war Kommunikation oft schwierig. Besonders befremdlich fand ich es auf dem Kreuzberg, der zu normalen Zeiten für seine gesellige Atmosphäre bekannt ist. Trotz des stürmischen Wetters waren viele Besucher da und ich wartete fröstelnd in einer Warteschlange fast eine ½ Stunde bis ich in die Klosterschänke hinein durfte.
Zuerst einmal musste ich meine Adresse angeben und bekam einen Zettel mit Angabe des Raumes und Tischnummer. Danach Einlass, sobald Personen (= 1 Tisch) das Gasthaus verließen. Danach Anstellen für Wertmarken, Getränke und Essen jeweils in einer neuen Schlange und schlussendlich den zugewiesenen Raum und Tisch suchen. Da ich alleine war bekam einen eigenen Tisch, alle weit auseinander stehend. Genauso war es auch am nächsten Morgen zum Frühstück.
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Gegen Ende meines Pilgerweges gelangte ich völlig durchnässt und durchgefroren in Binsbach in meine Pension.
Sie war düster, der Wirt unhöflich und ich fühlte mich dort unwohl. Im Ort gab es keine Möglichkeit für eine warme Mahlzeit.
So ging ich erst einmal in die Kirche, die hell und einladend war.

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Dort traf ich auf eine freundliche Seele, die mich ansprach und wohl merkte, dass ich nicht froh war. Sie fragte, ob ich einen Kaffee wolle. Ich bejahte ihre Frage und nach einer halben Stunde kam sie zurück mit Thermoskanne Kaffee, einem Porzellanbecher, Teelöffel, Zucker, Milch und Süßwaren verpackt in einer Tüte. Sie wünschte mir weiterhin alles Gute auf meinem Weg und bat mich, am nächsten Morgen die Tüte in die Kirche zu stellen. Wir sind weiterhin brieflich in Kontakt.
Ich kam nicht so schnell voran, wie ich dachte.
Mal war es der Weg, dann das Wetter oder mein Bedürfnis nach langen Phasen des Innehaltens. Gleich am Anfang meines Weges musste ich mir eingestehen, dass ich die Steigungen in der Rhön unterschätzt hatte mit dem schweren Rucksack.
Und am Haunasee legte ich wegen unerträglicher Hitze und Schwüle einen Ruhetag ein. Zwischendurch genoss ich immer wieder die Natur, gönnte mir, wenn es sich ergab einen Kaffee und was Süßes, verweilte in Kirchen.
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Jede Kirche hatte ihre Besonderheit. So gab es in Bremen einen Pilgerbrief zum Mitnehmen , in Euerbach den Pilgerstempel auf ökumenische Art, jeweils die eine Hälfte in der kath. Kirche und die andere Hälfte in der evang. Kirche.
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Am Abreisetag entdeckte ich in Würzburg dabei ein ungewöhnliches Kreuz:
Jesus hält sich seine gemarterten Hände schützend vor den eigenen Leib.
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Vier Tage später als geplant erreichte ich mein Ziel, das Kloster der Franziskanerrinnen in Zell am Main. Dort wurde ich von Sw. Rut mit Kaffee und Kuchen und einem freundlichen Gespräch empfangen. Sie war über 15 Jahre verteilt auf dem Jakobsweg bis Santiago gepilgert und betreut die Pilgergäste.
Ich bekam ein wunderschönes Zimmer
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und durfte wann immer ich wollte in die Bibliothek, in den schönen Klostergarten voller Blumen, Kräutern, Obst und Gemüse. Und, ganz wichtig: ich wurde gut verköstigt in einem wunderschönen Speisesaal.
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Ich lernte vieles über den Orden kennen und freute mich über die offenen freundlichen Begegnungen mit den Nonnen. Aber auch hier erlebte ich wie auch im letzten Jahr, dass die meisten von ihnen im Rentenalter sind.
Die letzten Kilometer nach Würzburg zum Bahnhof schlenderte ich am Main entlang, genoss das Markttreiben, die geöffneten Cafés und hatte das Glück, dass zwei junge Frauen musizierten.
Es war ein Stück Normalität in diesem Pandemiejahr.
Fazit: Mein Erleben war noch intensiver in diesem Jahr, dass durch Lockdown und AHA-Regeln viele scheinbar gewöhnliche Gewohnheiten in ein neues Licht rückten. Der fehlende Handschlag, die Umarmung, das gemeinsame Essen mit Fremden am Tisch… , all dies fehlte und trotzdem gab es viel Brüder- und Schwesterlichkeit zu erleben.
Und daheim überraschte mich mein Mann mit einem wunderschönen Blumenstrauß.
Diesen Pilgerbericht beende ich mit einem Pilgergebet, dass ich sehr mag. Birgit Audouard
Begegnung
Manchmal begegnet dir einer,
der mit dir geht
der mit dir lacht,
der mit dir weint,
der dich wieder verlässt…

Doch er bleibt dein Freund

Und dann begegnet dir einer, den keiner sieht,
der mit dir geht,
der mit dir lacht,
der mit dir weint,
der dich nie mehr verlässt…
Der dir mehr wird als jeder Freund…

Viel mehr

Zu guter Letzt ein paar Kuriositäten am Wegesrand.
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(im Klostergarten Fulda)

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(Pilgerampel vor dem Fuldaer Dom)
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